Zwei Drittel sind geschafft: die Sanierung des Prager Hauptbahnhofs schreitet voran

08-07-2009

Seit beinahe 140 Jahren gehört er zum Stadtbild von Prag: der Hauptbahnhof. Bereits mehrmals wurde der wichtigste Bahnhof Tschechiens saniert und erweitert. Dennoch hat sich der Prager Hauptbahnhof im Laufe der Jahre zum Schandfleck gewandelt, den man nur betrat, wenn man unbedingt musste. Doch seit einiger Zeit wird am Prager Hauptbahnhof fleißig gearbeitet. Im Zuge einer italienisch-tschechischen Kooperation wird er auf Hochglanz gebracht.

Foto: Kristýna MakováFoto: Kristýna Maková Bereits seit einigen Monaten ist das neue Informationssystem auf dem Bahnhof in Betrieb. Vor kurzem kamen zu den neuen Ansagen und den elektronischen Wagenstandsanzeigern auch große Leuchttafeln mit den Abfahrts- und Ankunftszeiten der Züge hinzu. Die wichtigste Neuerung ist aber das hochmoderne Reisezentrum, das die bisherigen Fahrkartenschalter ersetzt. In dieser Woche geht es nun vollständig in Betrieb. Für den Generaldirektor der Tschechischen Bahnen (ČD) Petr Žaluda bedeutet dies einen enormen Fortschritt im Kundenservice seines Unternehmens:

„Hier zeigen die Tschechischen Bahnen ihr neues Gesicht. Das ist ein gewaltiger Unterschied zu dem, was wir bisher gewohnt waren. Die klassischen Fahrkartenschalter sind verschwunden. Nun bieten wir den Kunden einen neuen, barrierefreien Fahrkartenverkauf. So, wie es ihn auf allen Flughäfen gibt.“

Und tatsächlich, der Unterschied ist gewaltig: Bisher waren die verschiedenen Fahrkartenschalter quer über den ganzen Bahnhof verstreut und niemand wusste so recht, wohin er sich wenden sollte. Hatte man dann endlich das passende „Fensterchen“ – „okénko“, wie man auf Tschechisch sagt – gefunden, stellte man oft fest, dass man nicht der einzige Reiselustige oder Informationsbedürftige war. Gerade an den Auslandskassen bildeten sich zur Hauptreisezeit oft lange Schlangen. Hatte dann noch jemand in der Reihe der Wartenden eine Europa-Rundreise oder einen Gruppenausflug mit dem Schlafwagen im Sinne, wurde der Kauf eines Fahrscheins schnell zur Tortur. Endlich an der Reihe, durfte man seinen Wunsch dann in eine düstere Öffnung sprechen. Nicht selten hallte es zurück: „Bitte sprechen Sie lauter! Ich kann Sie nicht hören!“

Foto: Kristýna MakováFoto: Kristýna Maková All das gehört mit dem neuen Reiszentrum namens „ČD Centrum“ nun der Vergangenheit an. Im Untergeschoß der Bahnhofshalle sind alle Schalter zusammengefasst, übersichtlich mit verschiedenen Farben gekennzeichnet. Alles ist hell und sauber und die düsteren Schalter haben hellen Verkaufspulten Platz gemacht:

„Unsere Kunden finden hier Schalter für internationale Verbindungen, für den Inlandsverkehr und spezielle Pulte gibt es für Mütter mit Kindern und körperlich beeinträchtigte Fahrgäste. Das heißt, der Fahrkartenkauf wird viel schneller gehen als bisher.“

Foto: Kristýna MakováFoto: Kristýna Maková Dazu sollen auch getrennte Informations- und Reklamationsschalter beitragen. Bevorzugt an einen eigenen Schalter abgefertigt werden Kunden der 1. Klasse und Fahrgäste der SuperCity-Züge. Für jede dieser Kategorien gibt es nur mehr eine Warteschlange: Niemand muss sich also mehr ärgern, dass die Schlange am Schalter nebenan viel schneller voran kommt als die eigene. Für Tage mit besonders großem Andrang sind in einem Nebenraum zusätzliche Schalter vorgesehen.

Doch wie will man verhindern, dass innerhalb weniger Monate aus dem blitzblanken Reisezentrum wieder ein Treffpunkt für Trunkenbolde und Drogendealer wird? Darauf sei man gut vorbereitet, erklärt Fabio Battaglia, der Chef der Gesellschaft „Grandi Stazioni“:

„Damit der Bahnhof lebenswert bleibt, haben wir eine Reihe von Maßnahmen ergriffen: Es gibt Kameras, die von der Polizei und Bediensteten der Bahn überwacht werden, außerdem führen die Polizei und eine private Sicherheitsagentur rund um die Uhr Kontrollgänge durch. Zu mehr Sicherheit tragen auch die lange geöffneten Geschäfte und die neue, helle Beleuchtung bei.“

„Grandi Stazioni“, eine Tochtergesellschaft der Italienischen Staatsbahnen, plant im Auftrag der Tschechischen Bahnen den Umbau des Prager Hauptbahnhofes. Dabei greift das Unternehmen auf seine Erfahrungen mit dem Umbau der vierzehn größten italienischen Bahnhöfe zurück, darunter Napoli Centrale, Milano Centrale oder Venezia Santa Lucia. Auch für die Sanierung eines der meistfrequentierten Bahnhöfe Europas zeichnet „Grandi Stazioni“ – zu Deutsch schlicht „Große Bahnhöfe“ - verantwortlich: Über 100.000 Fahrgäste steigen in Roma Termini täglich aus, ein oder um. Wie in Prag hatte man auch dort jahrelang mit Verschmutzungen, Alkoholmissbrauch und Drogenproblemen zu kämpfen, sagt Firmenchef Battaglia:

„Unsere Erfahrung aus Italien zeigt, dass ein neuer, sauberer Bahnhof auch weniger Obdachlose anzieht: In Rom haben etwa vor der Sanierung rund 220 Unterstandslose ständig auf dem Bahnhof gewohnt. Nach dem Umbau sind es weniger als 20. Dazu trägt auch der Polizeiposten direkt auf dem Bahnhof bei. Das wird es auch in Prag geben. Die sichtbare Präsenz der Polizei ist sehr wichtig für das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste.“

Foto: Kristýna MakováFoto: Kristýna Maková „Grandi Stazioni“ finanziert den gesamten Umbau der Prager Bahnhofshalle. Dafür erhält die Gesellschaft das Recht, die Räume an Geschäfte und Dienstleistungsunternehmen zu vermieten:

„Der Vertrag sieht vor, dass wir vom Ende der Bauarbeiten im Jahr 2013 30 Jahre lang die Mieteinnahmen bekommen. Also bis zum Jahr 2043. Wir rechnen mit einem zufriedenstellenden Rückfluss unserer Investitionen, der etwa mit dem in Italien vergleichbar ist. Aber das ganze Projekt rechnet sich nur sehr langfristig.“

Foto: Kristýna MakováFoto: Kristýna Maková Dank dieser italienisch-tschechischen Zusammenarbeit verschwinden nun nach und nach die wenig einladenden Imbissbuden und Automatencasinos aus der Bahnhofshalle. Sie machen Platz für internationale Markengeschäfte, aber auch einheimische Firmen, wie etwa eine Buchhandelskette. Und nicht zuletzt dürften auch die Chancen steigen, in Zukunft auf dem Prager Hauptbahnhof echten italienischen Kaffee genießen zu können.

Der nördliche und der mittlere Teil der Bahnhofshalle erstrahlen bereits im neuen Glanz. Dennoch gibt es noch einiges zu tun, wie der Generaldirektor der Tschechischen Bahnen Petr Žaluda erklärt:

„Jetzt ist die zweite Etappe der Erneuerung des Prager Hauptbahnhofs abgeschlossen, die im Jahr 2006 begonnen hat. Nun liegt noch die dritte Etappe vor uns, die im nächsten Jahr abgeschlossen sein wird. Dann wird sich die ganze Kassenhalle des Hauptbahnhofs im neuen Gewand präsentieren. Damit unser Bahnhof endlich wieder eine Visitkarte für eine der schönsten Städte Europas wird.“

Nach dem Umbau der Kassenhalle folgt noch die aufwändige Restaurierung der historischen oberen Bahnhofshalle, die sich heute in völlig desolatem Zustand befindet. Diese soll bis 2013 abgeschlossen sein. Rund 750 Millionen Kronen (knapp 30 Millionen Euro) investiert „Grandi Stazioni“ in den Prager Hauptbahnhof, weitere 250 Millionen (10 Millionen Euro) lässt sich die italienische Firma die Sanierung der Bahnhöfe in Marienbad / Mariánské Lázně und Karlsbad / Karlovy Vary kosten.

08-07-2009